| Da
bekanntlich St.
Nikolaus
schon im November per Schiff aus Spanien in Richtung
Niederlande
abgereist ist und es einen
Weihnachtsmann
auf der iberischen Halbinsel nicht gibt, haben sich die Spanier
einen Brauch ausgedacht, der die Bescherung zu einer kleinen,
amüsanten Lotterie werden lässt. Mitten auf den
Tisch wird nach dem Weihnachtsmahl die „Urne des Schicksals“
gestellt, gefüllt mit vielen kleinen, in Geschenkpapier
gehüllten Geschenken. Reihum darf sich nun jeder daraus
bedienen. Mit etwas Glück angelt sich jeder etwas aus
der Urne, das ihm Freude macht – doch sind auch ein
paar Nieten untergemischt.
Einen netten Brauch haben sich die Spanier
übrigens für die Jahre mit einer sog. „Arbeitgeberweihnacht“
ausgedacht, in denen also einer der Weihnachtsfeiertage auf
einen ohnehin arbeitsfreien Sonntag fällt. Dann wird
der auf
Weihnachten
folgende Werktag zum Ersatz-Feiertag erklärt. Misstrauisch
sollte man allerdings werden, wenn einem der Nachbar etwa
erzählt, auch der 28. Dezember sei neuerdings ein Feiertag.
Dieser Tag, der Día de los Inocentes („Tag der
unschuldigen Kinder“), der an den bethlehemischen Kindermord
durch König
Herodes
erinnern soll, hat nämlich in Spanien eine besondere,
schalkhafte Bedeutung, unserem 1. April vergleichbar.
Auch das Silvesterfest wird in Spanien
mit rauschenden Fiestas begangen. Die Stunde vor dem Jahreswechsel
verbringen die meisten Spanier im Freien, um das freudige
Ereignis gemeinsam zu feiern. In Madrid trifft man sich zum
Beispiel alljährlich an der Puerta del Sol im Zentrum
der Stadt, wo die Turmuhr das neue Jahr einläutet. Ihr
Zifferblatt wird in diesen letzten Minuten des Jahres landesweit
live im Fernsehen übertragen, während die Spanier
den Brauch des Traubenessens zelebrieren, der angeblich auf
das Jahr 1909 zurückgeht. Damals fiel die Weinernte so
üppig aus, dass jemand auf die Idee kam, den Überschuss
in der Silvesternacht auf eine originelle Weise abzubauen.
Jeder Spanier sollte zu jedem mitternächtlichen Glockenschlag
eine Weintraube in den Mund nehmen und sich dabei etwas wünschen.
Wenn man mit den zwölf Schlägen die zwölf Trauben
hinuntergeschluckt hat, dann bedeutet dies Glück und
Gesundheit für das ganze bevorstehende Jahr. Mit einem
denkwürdigen Fehlstart begann das Jahr 1997 für
Millionen Spanier, die wie üblich ihre zwölf Weintrauben
säuberlich in Schälchen oder Tütchen abgezählt
hatten, um kurz vor Zwölf mit jedem Schlag der Glocke
eine Traube als Glücksbringer in den Mund befördern
zu können. Aber durch einen technischen Fehler schlug
die Glocke von Puerta del Sol, per TV im ganzen Land übertragen,
doppelt so schnell wie sonst. Ob nun 1997 die Spanier außergewöhnlich
viel Pech gehabt haben? Jedenfalls erinnerten die Zeitungen
bei jedem Unglück immer wieder an das missratene Traubenessen
in der Nacht auf Neujahr.
|
| |
|
Der bedeutendste Tag der Weihnachtszeit
ist jedenfalls der 6. Januar, Dia des los Reyes Magos, das
„Dreikönigsfest“, das mit Umzügen und
einer großen Bescherung
für die Kinder begangen wird. Die Heiligen Drei
Könige reiten in der Nacht vom 5. Januar majestätisch
gewandet und auf echten Dromedaren an der Spitze von langen
Prozessionen in viele Ortschaften ein und verteilen Süßigkeiten
an Kinder und Erwachsene. Um der Ankunft der Heiligen eine
offizielle Würde zu verleihen und deren Rang für
jedermann deutlich werden zu lassen, werden sie am Ortseingang
vom Bürgermeister und anderen Honoratioren überaus
feierlich begrüßt.
|
Frau Mia Zwick
schreibt uns aus dem spanischen Sevilla:
„Seit ich Rentnerin bin, verbringe ich die kalte
Jahreszeit an Spaniens schönen Küsten und
bin deshalb mit den hiesigen Weihnachtsbräuchen
gut vertraut. Mit besonderem Interesse habe ich deshalb
den Artikel über Spanien
in Ihrem schönen Weihnachtsatlas gelesen. Fehler
habe ich nicht gefunden – aber eins haben Sie
ausgelassen, was für die meisten Spanier zu Weihnachten
gehört wie für uns Deutsche Rauschgoldengel,
Lametta und Lebkuchen. Ich meine ,El Gordo‘, die
alljährliche Weihnachtslotterie. Auch ich habe
mir wieder ein Los besorgt und sehe mit Spannung der
Ziehung am 22. Dezember entgegen.“
Tatsächlich: Die berühmte spanische Weihnachtslotterie
haben wir vergessen, in unserem Artikel über Spanien
zu berücksichtigen – und das holen wir hier
gern nach.
In einem sehr interessanten Büchlein über
das ganze Drum und Dran des Weihnachtsfestes in aller
Welt liest man zum Thema: „Jeder Spanier wäre
empört, wenn nicht am 22. Dezember, wie jedes Jahr
seit 1957, im spanischen Fernsehen die Ziehung der Weihnachtslotterie
übertragen werden würden. Sie gehört
zur spanischen Weihnacht wie der Baum, die Geschenke
und die heiligen Drei Könige. Adrett gekleidete
Schulkinder verkünden in immergleichem Singsang
Tausende von Losnummern und Geldbeträgen.“
(Holger Wormer / Hubert Filser: Schöne Bescherung!
Freiburg im Breisgau. Herder Verlag, 2004, S. 31.)
Die spanische Weihnachtslotterie gilt als größte
und älteste Lotterie der Welt. Als König KARL
III. (* 20. Januar 1716 † 14. Dezember 1788) sie
im Jahre 1763 ins Leben rief, wollte er mit den Gewinnen
die leere Staatskasse auffüllen. Die Losziehung
in der bis heute gültigen Form, am 22. Dezember
und mit der Verkündigung der Gewinn-Nummern durch
einen Kinderchor, gibt es auch schon seit 1812. Vielleicht
wird die diesjährige Lotterie alle Rekorde brechen,
denn die Hochzeit des spanischen Prinzen FELIPE mit
LETIZIA hat den Losverkauf beflügelt. Schon lange
vor Weihnachten waren die Lose mit der Nummer 22504,
die dem Hochzeitsdatum 22. Mai 2004 entsprechen, restlos
ausverkauft. Erstmals müssen die Teilnehmer nicht
den endlosen Nummern-Singsang im Fernsehen über
sich ergehen lassen, um zu erfahren, ob sie gewonnen
haben: Die staatliche Lotterieverwaltung ONLAE hat als
besonderen Service die Benachrichtigung der Gewinner
per SMS angeboten.
Aber wer darauf spekuliert, den Hauptpreis, genannt
„El Gordo“ (der Dicke) abzuräumen,
der wird sicher wie jedes Jahr gebannt vor dem Fernsehschirm
hocken. Schließlich bringt „El Gordo“
in diesem Jahr 390 Millionen Euro ein! Und das ist nur
der kleinere Teil der insgesamt 1,8 Milliarden Euro,
die Weihnachten 2004 ausgeschüttet werden. Allerdings
ist auch die Teilnahme nicht ganz billig, kostet doch
ein einziges Los stolze 200 Euro. Darum leisten sich
die meisten Menschen in Spanien kein ganzes Los, sondern
begnügen sich mit Zehntelbeteiligungen, die sie
oft noch weiter stückeln und unter ihren Verwandten
und Bekannten verteilen. Dies hat in der Vergangenheit
dazu geführt, dass ganze ländliche Regionen
(wie Murcio im Südosten des Landes) und Kleinstädte
(wie Segovia) sich über einen warmen Geldregen
freuen konnten. |
|
|
Since we all know that St. Nicholas
( Nikolaus)
left Spain in November already by ship, headed for
the ( Netherlands),
and that there is no Santa Claus on the Iberian peninsula,
the Spanish have come up with a custom which turns the giving
of gifts into an amusing little lottery.
The ‘drum of fate’ is placed
in the middle of the table following the Christmas meal, filled
with many little gifts wrapped in paper. One by one, the children
help themselves from this. With a bit of luck everyone will
fish something from the box that they will enjoy – yet
some of the gifts are blanks.
The Spanish have invented a rather
nice custom for the years with are so-called pro-“employer’s
Christmas”, meaning that the Christmas holidays fall
onto what are anyhow work-free Sundays. The working day following
Christmas
( Weihnachten)
is declared a substitute holiday. However, one should be cautious
if the neighbour announces that December 28 these days is
also a public holiday. This day, the Día de los Inocentes
(“Day of the Innocent Children”), which is
to recall the child-murder of Bethlehem by King Herod
( Herodes),
bears a particularly mischievous meaning in Spain, similar
to our April Fool’s Day.
New Year’s Eve celebrations in
Spain are also honoured with dazzling Fiestas. Most Spaniards
spend the hour prior to ringing in the New Year outdoors,
jointly celebrating the happy event. In Madrid, for example,
people meet every year at the Puerta del Sol in the city centre,
where the tower clock chimes in the New Year. Its dial is
broadcast nation-wide live on TV during the last minutes of
the old year, while Spaniards celebrate the custom of eating
grapes, which allegedly dates back to the year 1909. In that
year, the wine harvest proved so abundant that somebody had
the idea to reduce the excess on New Year’s Eve in an
original manner. Every Spaniard was to put a grape into their
mouths at every midnight’s chime and make a wish. Having
swallowed twelve grapes with the twelve chimes was to be a
sign of luck and good health for the imminent year.
1997 started out with a memorable blunder
for millions of Spaniards, who as usual had counted their
twelve grapes and placed them neatly in a small bowl or bag
to transfer them with every chime of the bell as a token of
luck into their mouths. A technical error rang the bell of
Puerta del Sol, which was being broadcast nation-wide on TV,
twice as fast than usual. Did the Spaniards experience a particular
degree of bad luck in 1997? In any event, every misfortune
that occurred during the year was taken up by the newspapers,
recalling the failed consumption of grapes on New Year’s
Eve.
The most important day during
Christmas is in any event January 06, Dia des los Reyes Magos,
the “Day of the Three Kings”, which is celebrated
with processions and lots of gifts
( Bescherung)
given to the children. The Three Kings ride during
the night from January 05 clad majestically and on real dromedaries
at the head of long processions to many little villages and
distribute sweets to the children and adults. To lend an official
feel to the arrival of the wise ones and to make their rank
clear for everybody to see, they are solemnly welcomed at
the city limits by the mayor and other notabilities.
|
Mrs Mia Zwick writes
to us from Sevilla, Spain:
“Since retiring, I’ve spent the cold time
of the year on Spain’s beautiful coasts and that’s
why I’m well acquainted with the Christmas traditions
here. It was with particular interest, therefore, that
I read the article on Spain in your beautiful Christmas
atlas. I didn’t find any mistakes – but
there’s one thing you did forget, something which
is as much a part of most Spaniards’ Christmas
as gold foil angels, tinsel and gingerbread is part
of our Christmas in Germany. I’m talking about
‘El Gordo’, the annual Christmas lottery.
I’ve also bought myself a ticket again and am
awaiting the draw on 22 December in eager anticipation.”
It’s true: We forgot to include the famous Spanish
Christmas lottery in our article on Spain – and
we’d like to make up for that here.
You can read more on the topic in a very interesting
little book on Christmas customs and traditions all
around the world: “Every Spaniard would be indignant
if the Christmas lottery draw wasn’t broadcast
on Spanish TV on 22 December as it has been every year
since 1957. It is part of Christmas in Spain like the
tree, the gifts and the Three Wise Men. Smartly dressed
schoolchildren announce thousands of ticket numbers
and sums of money in the same sing-song voice.”
(Holger Wormer / Hubert Filser: Schöne Bescherung!
Freiburg im Breisgau. Herder Verlag, 2004, p. 31.)
The Spanish Christmas lottery is one of the largest
and oldest lotteries in the world. When King KARL III.
(b. 20 January 1716, d. 14 December 1788) inaugurated
it in 1763, he wanted to fill the empty state coffers
with the profits. The draw has had its current form
since 1812, taking place on 22 December and with winning
numbers announced by a children’s choir. Perhaps
this year’s lottery will break all records because
the wedding of Spain’s Prince FELIP with LETIZIA
has spurred on the purchase of lottery tickets. Tickets
with number 22504, corresponding to the date of the
wedding (22 May 2004), were completely sold out long
before Christmas. For the first time in history, participants
won’t have to put up with the endless number sing-song
on TV in order to find out if they’ve won. The
state lottery administration ONLAE is offering a special
service – they’ll text winners with the
good news.
But whoever is hoping to scoop the main prize, the
so-called ‘El Gordo’ (the Fat One), will
certainly be perching at the edge of his seat in front
of the TV as usual. After all, ‘El Gordo’
will be worth € 390m this year! And that’s
just the smaller part of the total of € 1.8bn which
will be distributed at Christmas 2004. However, taking
part isn’t exactly cheap, with a single ticket
costing a hefty € 200. That’s why most people
in Spain don’t buy an entire ticket, but just
make do with a tenth part, which they then often divide
up and share out amongst family and friends. In the
past, this has led to whole rural regions (such as Murcia
in the south-east of the country) and small towns (such
as Segovia) enjoying a nice windfall. |
|
|