| Wenn
man in der Vorweihnachtszeit in einem dänischen Bauernhaus
zu Besuch ist, dann kann es einem leicht passieren, dass man
des Nachts von einem fein tönenden Geklappere aus der
Küche oder Vorratsstube geweckt wird.
Das sind
die nissen, schelmische Kobolde, die in den Dachspeichern
hausen und beinahe das ganze Jahr in tiefem Schlaf verbringen.
Erst am 13. Dezember werden sie munter und erwarten dann von
ihren menschlichen Mitbewohnern bis zum Jahreswechsel regelmäßige
Beköstigung. Wer einen solchen nisse zum ersten Mal zu
Gesicht bekommt, erkennt ihn auf Anhieb an seiner markanten
Kleidung: graue Wollsachen, ein rotes Wollmützchen, rote
Wollstrümpfchen und weiße Holzschuhe – daher
auch das fein tönende Geklappre. Es ist traditionell
die Pflicht der Kinder, dafür zu sorgen, dass allabendlich
das Schälchen mit dem Reispudding für die
nissen bereitsteht; übrigens durchaus eine verantwortungsvolle
Aufgabe, denn wehe, wenn diese Zwergwesen nicht satt werden!
Dann können sie richtiggehend ungehalten werden, treiben
ihren Schabernack bald auf die Spitze, bewerfen die Menschen
mit Nüssen, sorgen dafür, dass der Christbaum
vor der Bescherung alle Nadeln verliert, stibitzen die Geschenke
der Kinder oder vertauschen sie und was dergleichen Ärgernisse
mehr sind. Im schlimmsten Fall werden die nissen so böse,
dass sie das ganze kommende Jahr nicht mehr zur Ruhe kommen.
Die dänischen Kinder haben aber noch einen anderen guten
Grund, die Schar der häuslichen Nissen bei Laune zu halten.
Deren Aufgabe ist es nämlich, dem julemand, wie der Weihnachtsmann
auf Dänisch heißt, den Weg ins Haus zu weisen und
ihm beim Abladen der Geschenke
von seinem Schlitten behilflich zu sein.
Dass sich die nissen ihren Wecker ausgerechnet
auf den 13. Dezember gestellt haben, hängt mit dem Erscheinen
der Heiligen Lucia an diesem Tag zusammen, das nicht nur in
Schweden
und Italien,
sondern auch in Dänemark mit festlichen Umzügen
begangen wird. Den glanzvollen Auftritt des schönen Mädchens
mit der Kerzenkrone, das die Wintersonnwende
ankündigt, wollen sich die neugierigen nissen keinesfalls
entgehen lassen.
Der Tag vor Heiligabend
hat in Dänemark einen eigenen Namen, lillejuleaften.
Am 23. Dezember wird nämlich traditionell der Christbaum
geschmückt. Die dänischen Kinder dürfen dabei
keinesfalls zugegen sein. Die offizielle Begründung für
diese Heimlichtuerei lautet: damit der Baum in seiner Pracht
am Tag der Bescherung, dem eigentlichen juleaften, eine desto
größere Überraschung für die Kleinen
ist. Gerüchteweise ist aber auch zu hören, dass
die Kinder nicht mitbekommen sollen, wie beim Dekorieren des
Baumes reichlich dem gløgg, einem dänischen Glühwein
zugesprochen wird – und welche teils eher unweihnachtlichen
Folgen dies haben kann.
 |
Rezept Download:
„Gløgg“. (60,7
kb) |
Der Christbaumschmuck
in Dänemark ist übrigens auf den ersten Blick als
dänischer zu erkennen, sind doch rot-weiße Fähnchen
ein unverzichtbarer Bestandteil der Dekoration. Daraus zu
schließen, dass die Dänen zu Weihnachten besonders
national gesinnt seien, das wäre aber doch etwas voreilig.
Man sollte vielmehr neidlos anerkennen, dass sich die dänischen
Nationalfarben der Dannebrog-Fähnchen einfach ausnehmend
gut „machen“ in einer grünen Tanne oder Fichte.
Der erste Christbaum soll in Dänemark zu Weihnachten
1808 aufgestellt worden sein. In den Märchen des berühmten
dänischen Dichters Hans Christian Andersen (*1805 †1875)
kommt er häufig vor, so in "Der Tannenbaum"
(1846) und "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern"
(1848). Eine knappe, atmosphärisch dichte Beschreibung
des traditionellen dänischen Weihnachtsfestes findet
sich am Anfang des Andersen-Märchens Der Krüppel
(1872):
Dänische Weihnachten von
HANS CHRISTIAN ANDERSEN:
Es war einmal ein alter Gutshof mit
einer jungen, prachtvollen Gutsherrschaft. Reichtum und Segen
besaßen sie, sich erfreuen wollten sie, und Gutes taten
sie. Alle Menschen wollten sie so froh machen, wie sie selber
waren.
Am Weihnachtsabend stand ein wunderschön geschmückter
Christbaum in dem alten Rittersaal, wo das Feuer in den Kaminen
brannte und um die alten Gemälde Tannenzweige aufgehängt
waren. Hier versammelten sich die Herrschaft und die Gäste,
es wurde gesungen und getanzt.
Am frühen Abend herrschte schon in der Leutestube Weihnachtsfreude.
Auch hier stand ein großer Tannenbaum, dessen rote und
weiße Lichter angezündet waren, an dem kleine Danebrogflaggen
hingen, ausgeschnittene Schwäne und Fischernetze aus
buntem Papier, mit süßen Leckereien gefüllt.
Die armen Kinder aus dem Kirchspiel waren eingeladen; jedes
hatte seine Mutter mit. Die sah nicht weiter auf den Baum,
die sah auf die Weihnachtstische, wo Wollsachen und Leinen
lagen, Kleiderstoff und Hosenstoff. Ja, dorthin sahen die
Mütter und die erwachsenen Kinder, nur die Allerkleinsten
streckten die Arme nach den Lichtern, dem Lametta und den
Fahnen aus.
Diese ganze Versammlung kam am frühen Nachmittag, bekam
Weihnachtsgrütze und Gänsebraten
mit Rotkohl. Wenn man dann den Christbaum betrachtet hatte
und die Gaben verteilt waren, bekam jeder ein Gläschen
Punsch und Krapfen, mit Äpfeln gefüllt.
Das Festmahl ist natürlich auch
in Dänemark ein Höhepunkt der Weihnachtsfeier, und
auch hier werden zu diesem Anlass Gänse-, Enten- oder
Schweinebraten bevorzugt. Eine Besonderheit ist die Zubereitung
der Kartoffeln, die mit Zucker braun glasiert auf den Tisch
kommen. Und auch der schon als Beruhigungsmittel für
die nissen bekannte Reispudding hat hier seinen festen Platz,
als Vorspeise namens julegrød oder als Dessert mit
Sahne und heißen Kirschen, ris à l'amande genannt.
In einer Portion dieser Vor- oder Nachspeise ist eine ganze
Mandel versteckt. Der glückliche Finder erhält die
sogenannte mandelgave, ein großes rosarotes Marzipanschwein
– vorausgesetzt, er hat nicht zu hastig gegessen und
die Mandel irrtümlich zerbissen: Das bringt Pech, und
das Marzipanschwein wird unter den übrigen Gäste
des Weihnachtsmahls aufgeteilt.
Wenn es allen köstlich mundet,
sich die rechte weihnachtliche Stimmung eingestellt hat und
vor allem die kleinen Familienmitglieder mit ihren Geschenken
zufrieden sind, dann findet es der Däne ausgesprochen
hyggeligt.
|
Eine E-Mail erreichte
uns von Herrn Rudnik aus Kassel:
„Ihre Weihnachtsseite ist sehr gelungen und auch
der Blick ins europäische Ausland bringt selbst
mir viele neue Informationen, obwohl ich schon ganz
schön rumgekommen bin. Kennen Sie übrigens
das Gedicht Die Weihnachtsgans von Heinz Erhardt, in
dem es zu Anfang heißt: ,Tiefgefroren in der Truhe
liegt die Gans aus Dänemark?‘
Haben Sie eine Erklärung für Erhardts dänische
Gans?“
Ich habe mich schon immer gefragt, warum diese Gans
ausgerechnet aus Dänemark kommt. Früher dachte
ich, dänische Weihnachtsgänse seien vielleicht
besonders zart. Als ich einmal über Weihnachten
in Kopenhagen war, habe ich lange nach einem Restaurant
suchen müssen, das Gans auf der Speisekarte hatte,
und die war dann zu meiner Enttäuschung eher etwas
mager. Leider kommt auch bei Ihnen unterm Stichwort
Dänemark das weihnachtliche Gänseessen nur
ganz beiläufig vor.“
Wir haben recherchiert und sind zu folgenden Ergebnissen
gekommen:
Wenn es dem Humoristen Heinz Erhardt (*1909 †
1979) darum gegangen wäre, eine Weihnachtsgans
von bekanntermaßen edler Herkunft zu bedichten,
dann hätte er vermutlich eine
Gans
aus
Polen
in seine Tiefkühltruhe gelegt. In Polen werden
schon seit vielen Jahren Gänse für den deutschen
Markt gezüchtet. Seit das Verfüttern von Tiermehl
an Mastvieh in Verruf gekommen ist, sind die polnischen
Gänse beliebter als je zuvor, denn die polnischen
Züchter haben für Tiermehl gar kein Geld und
füttern ihr Federvieh mit Mais und Getreide vom
eigenen Feld. Die Polen selbst essen übrigens zu
Weihnachten keine Gans, sondern Karpfen ... Auch sonst
ist in der Biographie des im lettischen Riga geborenen
Heinz Erhardt keine besondere Beziehung zu Dänemark
oder zu dänischen Gänsen nachweisbar. So hat
sich der Dichter wohl allein um des Reimes willen für
Dänemark entschieden, denn Polen reimt sich nicht
auf Sarg. Hier das vollständige Gedicht:
Die Weihnachtsgans
von Heinz Erhardt
Tiefgefroren in der Truhe
liegt die Gans aus Dänemark.
Vorläufig lässt man in Ruhe
sie in ihrem weißen Sarg.
Ohne Bein, Kopf und Gekröse
ruht sie neben dem Spinat.
Ob sie wohl ein wenig böse
ist, dass man sie schlachten tat?
Oder ist es nur zu kalt ihr?
Man sieht’s an der Gänsehaut ...
Nun, sie wird bestimmt nicht alt hier:
morgen wird sie aufgetaut.
Hm, welch Duft zieht aus dem Herde
durch die ganze Wohnung dann!
Mach, dass gut der Braten werde –
morgen kommt der Weihnachtsmann. |
|
|
When visiting a Danish farmhouse during
the pre-Christmas season one may easily be awoken in the middle
of the night by clattering coming from the kitchen or the
larder. The nissen, mischievous goblins living in the attic
who spend the largest part of the year fast asleep, are responsible
for this. Only on December 13 do they awake and expect their
fellow occupants to feed them regularly until the end of the
year has arrived. Those who see one of these nisse for the
first time will instantly recognise them by their distinct
clothing: grey woollens, a red woollen hat and white wooden
clogs – hence the fine clattering. Traditionally, it
is the duty of the children to ensure that every evening a
bowl of rice pudding is set aside for the nissen; a very responsible
task indeed, beware if these little gnomes are left hungry!
They may become genuinely displeased, playing their pranks,
throwing nuts at people and making sure that the Christmas
tree ( Christbaum)
loses all of its needles before the gifts are handed out,
stealing the children’s Christmas gifts or swapping
them, causing much more nuisance. In a worst case scenario,
the nissen will get so mad that they refuse to calm down for
the rest of the entire year. Danish children, however, have
another good reason to keep the flock of homey nissen in good
spirits. It is, after all, their duty to show the julemand
– such is the Danish name of Father Christmas
( Weihnachtsmann)
– into the house and assist him in unloading his gifts
from the sleigh.
That the nissen happened to have set
their alarm for December 13 is because of Saint Lucia appearing
on this day, who is not only worshipped with festive processions
in Sweden ( Schweden)
and Italy( Italien),
but also in Denmark. The magnificent
appearance of the beautiful girl wearing a crown of candles
and who announces winter solstice ( Wintersonnwende)
is something the curious nissen do not intend to miss.
The day before Christmas Eve bears
its own name in Denmark, notably lillejuleaften( Heiligabend).
December 23 is traditionally
the day on which the Christmas tree is decorated – an
event which Danish children must not attend. The official
reason for this secrecy is for the tree in all its glory to
be an even greater surprise for the little ones on the day
when the gifts are handed out, the actual juleaften. Rumour
also has it, however, that children are not to pick up on
the vast amounts of gløgg, or mulled Danish wine, being
enjoyed – which may have rather un-Christmassy consequences.
 |
Recipe Download:
„Gløgg“
. (60,7 kb) |
The Christmas tree decoration
( Christbaumschmuck)
in Denmark can be spotted as Danish at first sight, since
little red and white flags are an indispensable element of
the decoration. To derive from this that the Danish are particularly
nationalistic at Christmas would be a little rash. One should
rather acknowledge without envy that the Danish national colours
of the little Dannebrog flags simply look great on a green
fir tree or spruce. The first Christmas tree was to have been
set up in Denmark at Christmas in 1808. The fairy tales by
the famous Danish writer Hans Christian Andersen (*1805 †1875),
including, for example, The Fir Tree (1846) and The Little
Match Girl (1848), frequently refer to a Christmas tree. A
concise atmospheric description of traditional Danish Christmas
festivities is found at the beginning of the Andersen tale
The Cripple (1872):
Danish Christmas by HANS
CHRISTIAN ANDERSEN:
There was an old manor
house where a young, splendid family lived. They had riches
and many blessings; they liked to enjoy themselves, and yet
they did a lot of good. They wanted to make everybody happy,
as happy as they themselves were.
On Christmas Eve a beautifully decorated Christmas tree stood
in the large old hall, where fire burned in the fireplaces
and fir branches were hung around the old paintings. Here
gathered the family and their guests; here they sang and danced.
The Christmas festivities had already been well under way
earlier in the evening in the servants’ quarters. Here
also stood a large fir tree, with lighted red and white candles,
small Danish flags, swans and fishing nets cut out of coloured
paper and filled with candies and other sweets. The poor children
from the parish had been invited, and each had its mother
along. The mothers didn’t pay much attention to the
Christmas tree, but looked rather at the Christmas table,
where there lay woollen and linen cloths, for dresses and
trousers. Yes, the mothers and the older children looked at
this; only the smallest children stretched out their hands
toward the candles, the tinsel, and the flags.
This whole gathering had come early in the afternoon; they
had been served Christmas porridge and roasted goose ( Gänsebraten)
with red cabbage. Then when the Christmas tree had been looked
over and the gifts distributed, each got a small glass of
punch and apple-filled æbleskiver.
Naturally, the Christmas banquet is
a highlight of the Christmas festivities even in Denmark,
and on this occasion goose, duck or roast pork are preferred.
A speciality is sugar-glazed potatoes. And the famous tranquiliser
of the nissen, rice pudding has its firm place as a starter
named julegrød, or as a dessert with whipped cream
and hot cherries called ris à l’amande. In one
of the portions of this starter or dessert a whole almond
is hidden. The lucky finder is given the so-called mandelgave,
a large pink marzipan pig – provided he did not eat
too hastily and accidentally crack the almond: This, on the
other hand, is a sign of bad luck and the marzipan pig is
divided among the remaining visitors of the Christmas meal.
Once everybody is enjoying the food,
the right Christmas atmosphere has set in and the younger
family members are happy with their gifts ( Geschenke),
Danes will consider this to be extremely hyggeligt.
 |
|
|
We have received
an e-mail from Mr Rudnik in Kassel:
“Your Christmas page is very well done and the
insight into other European countries has even provided
me with a lot of new information, and I’ve seen
a lot of the world. Do you happen to know the poem Die
Weihnachtsgans (The Christmas Goose) by Heinz Erhardt,
which starts: “Frozen solid in the freezer”.
Do you have any explanation for Erhardt’s Danish
goose?
I’ve often wondered why this goose came from
Denmark of all places. I used to think that Danish Christmas
geese may have been particularly tender. When I was
in Copenhagen one Christmas, I had to search high and
low for a restaurant that had goose on the menu, and
to my disappointment it was rather lean. Unfortunately,
you also mention the Christmas goose only incidentally
under the headword of Denmark. ”
We have done some research and have come to the following
results:
If the humorist Heinz Erhardt(b. 1909, d. 1979) had
wanted to write poems to a Christmas goose of a well-known
noble origin, then he would probably have put a goose
from Poland in his freezer. Geese have been breed for
the German market in Poland for many years. Since the
feeding of meat and bone meal to fat stock has come
into disrepute, Polish geese have been more popular
than ever before, because Polish breeders don’t
have the money for meat and bone meal, and feed their
poultry with maize and grain from their own fields.
The Poles themselves don’t eat goose for Christmas
but carp. … Even in the biography of Heinz Erhardt,
who was born in Riga, Latvia, no special relationship
to Denmark or to Danish geese can be found. So the poet
probably just decided on ‘Denmark’ solely
to fit the rhyme scheme, because ‘Poland’
doesn’t rhyme with the word ‘coffin’
in German. Here is the complete poem:
The Christmas Goose
By Heinz Erhardt
Frozen solid in the freezer
The goose from Denmark lies
At the moment left in peace
In her white sarcophagus
With no leg, no head and mesentry
Beside the spinach she’s been put there.
Do you think she’s a bit angry
That we asked to have her butchered?
Or is it that she’s just too cold?
Her goose flesh gives the game away …
No, here she certainly won’t grow old
She’ll be defrosted the next day.
Mmm, what an aroma will then come
From the range throughout the house!
Make sure that the roast’s a good one
For on the morrow comes Santa Claus.
|
|
|